
Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. Vom frühen Morgen bis zum Feierabend arbeitete Julia in der Schreinerei oder zusammen mit Maria auf irgendeiner Baustelle. Anschließend fuhren sie mit ihrer Badewanne ans Wehr und trainierten für das Rennen. Dabei dauerte es immer nur wenige Minuten, bis sie kenterten und mit all ihren Klamotten im Wasser landeten, was sie beide sehr genossen. Auch stellte sich Marias Idee, immer mit vollständiger Wettkampfkleidung zu trainieren, als richtiger Ansatz heraus. Die zusätzliche Kleidung, also das weiße, langärmlige Leinenhemd und die dicke, schwere Arbeitsweste (einer Zunftweste nachempfunden), nahmen so viel Wasser auf, dass das zusätzliche Gewicht die Bewegungen beim Paddeln als auch beim Schwimmen erschwerte. Julia war froh, sich hier in aller Ruhe daran gewöhnen zu können und nicht beim Wettkampf davon überrascht zu werden.
Nach und nach stellten sich Fortschritte ein und sie schafften immer längere Strecken zu paddeln bis sie schließlich doch kenterten und zum Ufer schwimmen mussten. Auch hatten sie inzwischen ein langes Seil an der Wanne befestigt, was die Bergung nach der Kenterung viel einfacher machte.
Immer wieder bemerkte Julia nun auch vereinzelte Zuschauer am Ufer, teils Kollegen, die sie dann auch anfeuerten, teils aber auch völlig Fremde, die sehr interessiert das Geschehen verfolgten. Zuerst war ihr diese Aufmerksamkeit, die ihrem Treiben entgegengebracht wurde etwas unangenehm aber bald gewöhnte sie sich daran. Maria gab sich von all dem unbeeindruckt. Gelegentlich winkte sie den Zuschauer sogar zu, wodurch die Wanne immer wieder bedenklich hin und her schwankte. Am Ende einer besonders erfolgreichen Fahrt, sie hatten die 50 Meter Strecke, eine Wende und auch den Rückweg geschafft, wurde Maria so übermütig, dass sie sogar aufstand um den inzwischen recht zahlreichen Zuschauern zuzuwinken. Im Ergebnis kippte die Wanne um, sodass die beiden Frauen die letzten 5 Meter schwimmend zurücklegen mussten. Trotzdem wurde die Aktion von lautem Jubel begleitet, der auch anhielt, als sie triefend nass aber lachend ans Ufer kletterten. Auch Julia empfand bald immer größere Freude, wenn sie mit den Zuschauern am Ufer interagieren konnte und wurde zunehmend lockerer. Die Strecken, die sie zurücklegten, ohne zu Kentern wurden jetzt immer länger, wobei sie sogar noch ihr Tempo steigern konnten.
Ein Mal entdeckte Julia dann auch ihren Chef unter den Zuschauern, der ihr aufmunternd den erhobenen Daumen entgegenstreckte und dabei breit grinste. In der anderen Hand hielt er eine Kamera, mit der er offensichtlich gerade ein paar Bilder gemacht hatte. Er trug die gleiche Firmenkleidung wie die beiden Paddlerinnen. Sein Grinsen verwandelte sich in fröhliches Lachen, als er kurz darauf beobachten konnte, wie seine beiden Mitarbeiterinnen zum widerholten Mal an diesem Tag mit ihrer Wanne umkippten und ans Ufer schwimmen mussten. Auch hier von gab es später eine Menge Bilder. Dann legte er die Kamera bei Seite und half ihnen beim herauskrabbeln. Zum Dank wurde er gleich mal von Maria umarmt, wobei sie ihren nassen Körper möglichst großflächig gegen seinen noch trockenen drückte. Er wehrte sich nicht, lachte sogar und somit sah Julia das als Erlaubnis an es ihr gleich zu tun. Inzwischen hatte ein Kollege die Kamera übernommen und schoss weiter fleißig Fotos von der Aktion. Da er nun schon mal halb nass war, nahmen Maria und Julia ihren Chef an der Hand und zerrten ihn hinter sich her, zurück ins Wasser. Er nahm es sportlich und tauchte nun auch komplett unter. Zu Dritt alberten sie noch ein paar Minuten im Wasser herum, bevor der Chef dann den Rückzug antrat. Julia und Maria zerrten die Wanne ans Ufer, leerten sie aus und starteten zu einer weiteren Trainingsfahrt.
Als Julia am nächsten Tag in das Büro des Chefs gerufen wurde befürchtete sie ernsten Ärger wegen der gestrigen Aktion aber dann sah sie das große Paket auf dem Tisch und dazu sein lachendes Gesicht. Im Nu waren ihre Befürchtungen verflogen.
Ihre weiter Arbeitskleidung war angekommen.
„Bei dem Tempo, wie die Sachen bei dir nass werden, wirst du die hier sicher brauchen können. Wie hast du das alles in den letzten Tagen immer wieder trocken bekommen, speziell diese Schuhe? Die brauchen doch ewig zum Trocknen“.
„Gar nicht“ war Julias ehrliche Antwort. „Die Schuhe habe ich über Nacht mit Papier ausgestopft vor der Tür stehen lassen, dann haben sie wenigstens nicht mehr getropft, wenn ich die am Morgen wieder angezogen habe. Die trockenen Socken waren dann natürlich nach wenigen Augenblicken auch wieder total nass, aber bei der Hitze der letzten Tage war das eigentlich ganz angenehm. Der Rest ist über Nacht auf der Leine ganz gut getrocknet und war meist nur noch ein wenig feucht“.
„Ah“, offensichtlich war er etwas ratlos bei dieser Antwort. „Aber jetzt hast du hier hoffentlich genügend Kleidung und Schuhe für die restliche Zeit bis zum Rennen“.
Als Julia gerade das Büro verlassen wollte, fügte er noch hinzu: „Die Kollegen freuen sich auch schon auf die Zeit, wenn die Sitze im Transporter endlich wieder getrocknet sind, aber das wird wohl noch ein paar Tage dauern“.
„Ich werde es an Maria weitergeben“, versprach Julia und verschwand mit ihrem riesigen Karton.
An diesem Abend, nachdem die beiden Frauen wieder trainiert hatten, wobei sie auch wieder mehrfach ins Wasser gefallen waren, nahm sich Julia etwas Zeit um ihr Facebook zu aktualisieren. Sie schrieb über das bevorstehende Rennen, über das Training mit Maria und darüber, wie sie zusammen ihren Chef ins Wasser befördert hatten. Dazu stellte sie die entsprechenden Bilder ein. Danach war sie so zufrieden mit der Welt, sich selbst und einfach Allem, dass sie sich in ihren immer noch feuchten Sachen unter die warme Dusche stellte, einfach um das schöne Gefühl nochmal genießen zu können. Wechselsachen hatte sie jetzt ja ausreichend.
Während sie noch duschte gingen bereits die ersten Likes ihrer Freunde aus der „alten Heimat“ auf ihrem Smartphone ein.